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Capriccio

Richard Strauss 1864-1949

Konversationsstück für Musik in einem Aufzug
Text von Clemens Krauss und Richard Strauss
Uraufführung am 28. Oktober 1942, Nationaltheater, München

Mit deutschen und englischen Übertiteln

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Holzfoyer
Audio-Einführung

Musikalische Leitung Sebastian Weigle
Die Gräfin Camilla Nylund
Der Graf Gordon Bintner
Flamand AJ Glueckert
Olivier Daniel Schmutzhard
La Roche Alfred Reiter
Clairon Tanja Ariane Baumgartner
Monsieur Taupe Graham Clark
Eine italienische Sängerin Sydney Mancasola
Ein italienischer Tenor Mario Chang
Eine junge Tänzerin Katharina Wiedenhofer
Der Haushofmeister Gurgen Baveyan
Acht Diener Isaac Lee / Jaeil Kim* / Jonas Boy / Erik Reinhardt / Lukas Eder / Iain MacNeil* /Miroslav Stricevic / Thesele Kemane*

* Mitglied des Opernstudios

Mitten im Toben des Zweiten Weltkriegs schreibt der 78-jährige Richard Strauss einen charmanten Diskurs à »l’art pour l’art« und nennt ihn Capriccio. Als sein letztes Bühnenwerk komponiert er ein so betiteltes »Konversationsstück für Musik«, in dem Künstler und Adlige im vorherrschenden, leichtfüßigen Parlandostil mit Witz und Schärfe über das Verhältnis von Musik und Wort in der Oper, aber natürlich — wie sollte es anders sein — auch über die Liebe streiten; verkörpert durch die sich um die Gunst der Gräfin Madeleine bemühenden Figuren des Komponisten Flamand und des Dichters Olivier. Strauss scheint einen Faden wieder aufzunehmen, den er dreißig Jahre zuvor mit Ariadne auf Naxos zu spinnen begonnen hatte. Dem Skeptiker, der ihm mit der Frage »Ausgerechnet jetzt, im Jahr 1942?« begegnen will, scheint Strauss zu erwidern: »Jetzt erst recht!« Seine Oper, die ursprünglich im romantisierten Pariser Rokokogewand aus der Zeit um 1775 daherkommt, ist keineswegs die ignorante Schöpfung eines Eskapisten. Sie formuliert vielmehr das überaus zeitlose Postulat einer Kunst, welche dazu beiträgt, die Welt zu dulden.

Anstoß für Strauss’ Vermächtniswerk, dessen Libretto sein Freund Clemens Krauss — von 1924 bis 1929 Intendant der Frankfurter Oper — ausführte, war das Textbuch zu Antonio Salieris Prima la musica — poi le parole. Mit diesem Werk hatte er sich einst im Wettstreit gegen Wolfgang Amadeus Mozarts Schauspieldirektor durchsetzen können. Und doch ist letztgenannter neben Richard Wagner jener, auf den Strauss immer wieder bewundernd zurückblickt. In Capriccio führt er nicht nur die Stilelemente seiner beiden kompositorischen Fixsterne zusammen, sondern verschmilzt in heiter-melancholischem Ton auch jene Elemente, die im Zentrum der werkimmanenten Diskussion stehen: Wort und Ton. Der Komponist bleibt sich selbst einmal mehr treu in der Behauptung einer Synthese beider Pole zu einer unzertrennlichen Ganzheit, welche in einem nächsten Schritt die Einheit von Verstand und Gefühl bedeutet.

Die wohlbedachte, den Zuschauer regelrecht in das Geschehen hineinziehende Inszenierung von Capriccio an der Oper Frankfurt gab über den hohen Standard an diesem Opernhaus Auskunft, das momentan als eines der besten in Deutschland gilt. (…)

David Shengold, www.operanews.com (Übersetzung: Oper Frankfurt)


Es ist die einzige „Durchhalte-Oper“ aus der Nazi-Zeit, die heute noch auf den Spielplänen steht: Klar, dass jeder Regisseur dazu Stellung nehmen muss. Capriccio von Richard Strauss wurde Ende Oktober 1942 in München uraufgeführt, vor der versammelten NS-Schickeria, während der Schlacht von Stalingrad, unmittelbar vor der Wende des Krieges. München war wegen der Fliegerangriffe verdunkelt, die Zuschauer mussten sich mit halb abgeklebten Taschenlampen durch die Stadt bewegen, eine Pause gab es nicht, jeder wollte möglichst schnell wieder zu Hause sein.
(…)
Wen scherte unter diesen Umständen ein Pariser Komponistenstreit aus dem Jahr 1775? Ein gescheites, aber harmloses Geplänkel über die Frage, ob in der Oper der Text oder die Musik mehr Gewicht haben sollten? Der politisch sehr anpassungsfähige Richard Strauss wollte das Werk als sein Testament verstanden wissen, kokettierte noch einmal mit dem von ihm heiß geliebten Rokoko, mit französischer Lebensart, und ließ sich beim Text ausgerechnet von Clemens Krauss unterstützen, einem Dirigenten, der zwar auch kein Nazi war, aber Hitlers persönlicher Günstling und ein Opportunist höchsten Grades.
(…)
Einmal mehr hat Brigitte Fassbaender bewiesen, auch schwierige Stoffe hoch professionell, gedankenreich und bildstark umsetzen zu können. Wie leicht wäre es gewesen Capriccio in einen Luftschutzkeller zu verlegen, zwischen Bombentrichtern spielen zu lassen, die SS aufmarschieren zu lassen oder Hakenkreuz-Fahnen zu hissen, was ja auf Opernbühnen alles regelmäßig zu sehen ist, wenn es um die Aufarbeitung des Faschismus geht? Stattdessen konzentriert sich Fassbaender auf wenige, effektvolle Andeutungen und eine außerordentlich sorgfältige Personenregie: Bei ihr steht niemand unbeschäftigt herum, alle Beteiligten sind schauspielerisch permanent unter Hochspannung, agieren intensiv, absolut natürlich, völlig klischeefrei. (…)

Peter Jungblut, www.br24.de


(…) Mit ähnlich viel Fingerspitzengefühl operiert Frankfurts Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, der seinem Opern- und Museumsorchester in der 140-minütigen, ungestrichenen Fassung viel piano-Kultur abverlangt, um absolute Textverständlichkeit zu ermöglichen. Stellvertretend für das tüchtige Ensemble sei Tanja Ariane Baumgartner als Clairon genannt. Was den Gast-Star des Abends betrifft, Camilla Nylund als Madeleine, staunt man nach wie vor über ihre kühl konturierte Noblesse. Behutsam jongliert die Finnin auch mit Stimmvaleurs der Bitterkeit, die nicht jeder bei dieser Frauengestalt erwarten würde. Im Ganzen regiert Intelligenz die Produktion: Begreiflicherweise gibt es am Ende kein einziges "Buh".

Volkmar Fischer, BR-Klassik / Allegro


(…) Wenn es so etwas wie eine „Modellaufführung“ gibt, so wäre die Regiearbeit von Brigitte Fassbaender als solche zu apostrophieren: eine Bühnenoptik, die einen denkbar weiten interpretatorischen Möglichkeitsraum ausmisst, aber immer in Respekt vor dem Werk – ohne dessen komplexes forminhaltliches Gewebe zu zerreißen und die Willkür eigener Obsessionen triumphieren zu lassen. Mithin: besonnenes, unaufdringliches, zugleich gedanklich mutig-entschiedenes Regietheater.
Hatte man (gerade die Frankfurter) Capriccio-Inszenierungen nicht doch als etwas trocken oder fad in Erinnerung? Keine Spur davon an diesem begnadeten Premierenabend. Da ging es durchweg lustig zu, ungewöhnlich burlesk. Die Personen: keine Thesen-Sprachrohre, sondern lebendige, animierte Menschen, bisweilen temperamentvoll und brüsk sich anrempelnd.
(…)
Die meisten in erotisch affiziertem Zustand: der Musiker Flamand (AJ Glueckert mit auffallend virilem, fast baritonalem Timbre) und der Dichter Olivier (Daniel Schmutzhard, hitzige Impulsivität mit klarer Artikulation verbindend) als heftige Konkurrenten in der Gunst der Gräfin Madeleine. Deren geistreich-lebemännischer Bruder (Gordon Bintner mit schneidender Stimmeleganz) auf Abenteuersuche hinter der kapriziös entflammbaren Schauspielerin Clairon her (mit einem Furioso mezzosopranesker Eloquenz: Tanja Ariane Baumgartner). Dann der monumental-komische und ridikül-würdevolle Theaterdirektor La Roche mit seinem anrührend-selbstgefälligen Monolog (Alfred Reiter, weniger in gemütlichem Bassbuffo-Sound sich ergehend als pointiert deklamatorisch orientiert). In seinem Schlepptau eine ihm sichtlich in jedem Betracht ergebene minderjährige Tänzerin (mit apart klassiksprengenden Extras: Katharina Wiedenhofer) und ein sich ausführlich in karikiertes Belcanto bettendes italienisches Sängerpaar (Sydney Mancasola, Mario Chang).
(…)
Ein undurchsichtiges Personengewusel und die Kleidung (Ausstattung: Johannes Leiacker) signalisieren: Das Ganze spielt nun in den 1940er Jahren, im besetzten Paris der Kollaborateure und der Résistance. Nach und nach stellt sich heraus: Anders als die ahnungslosen Kunstfreunde ist die Gräfin eingebunden in die französische Widerstandsbewegung. In einer Ecke des Salons befindet sich ein Waffendepot. Die in Instrumentenkästen versteckten Gewehre werden kurz von der Dienerequipe begutachtet (drittletzte Szene) und ganz zum Schluss von den nun zum Einsatz bereiten selben Männern an sich genommen. Ihnen schließt sich die Gräfin in Militärmantel und Käppi als Mitkämpferin an. Diese atemberaubende Wendung wird, wie alles in dieser staunenswerten, ja perfekten Bühnenerzählung, sorgfältig vorbereitet, so dass die Vorgänge ganz logisch anmuten. Alle Figuren treten schon lange vor ihrem „offiziellen“ Erscheinen auf, auch der Souffleur Monsieur Taupe, der von Graham Clark eher bleckend à la Mime als dumpf-visionär gebracht wird – ist er womöglich ein Spitzel? Bei ihrem wunderbaren Schlussmonolog geht Madeleine sonderbar vertraulich mit ihrem Haushofmeister um (vollendet diskret: Gugen Baveyan), er zeigt sich ja dann als ihr politischer Genosse.
Vor ihrer Mission zieht die Gräfin ihr spektakuläres Barockkleid aus, mit dem sie ihre große Arie absolvierte. Das „zwischen zwei Feuern verbrennen“ hat bei ihr nun noch eine ganz andere Bedeutsamkeit als nur die Entscheidungsnot zwischen den beiden Liebhabern.
Camilla Nylund bleibt dieser vokalen Verzauberungsstrecke an Schmelz, betörendem Wohlklang und melancholisch-endzeitlicher Grundierung nichts schuldig (…). Auch zuvor bestach sie mit klangvollem Parlando und einer vom Mondänen immer mehr zum Herzlichen (auch Echauffierten) sich wandelnden Ausstrahlung. Die volle Genialität des Leiacker’schen Bühnenbildes zeigte sich nochmals gegen Ende, wenn nach dem „Mondlicht“-Intermezzo zum zweiten Mal der Vorhang aufgeht und dieselbe Glaspalastszenerie nochmals erscheint, aber mit weit nach vorne gezogenen Fensterfronten.
(…) Den anspruchsvollen Abend bestand das Publikum, mehrheitlich präpariert durch den hervorragenden Einführungsvortrag der Dramaturgin Mareike Wink, in begeisterter Applauslaune.

Hans-Klaus Jungheinrich, Frankfurter Rundschau


(…) Richard Strauss und sein Uraufführungs-Dirigent Clemens Krauss haben sich widerstandlos von den Nazis hofieren und umgarnen lassen – Brigitte Fassbaender stellt nun bessere Menschen auf ihre Bühne. Keine Caprice, sondern ein schlüssig-gelungener Kontrapunkt.

Ursula Böhmer, SWR 2 / Journal am Mittag


(…) Zusammengehalten und überstrahlt wird dieses Netzwerk menschlicher Beziehung, Konversation und Kommunikation freilich von Camilla Nylunds so leuchtend blonder wie subtiler Gräfin. Sie ist eine Madeleine, die nicht nur auf der Sahncremesopranspur säuselt, die hat auch scharfe Momente, was der Partie Tiefe und Relevanz gibt. Man hört die Souveränität und Autorität einer Salome, Sieglinde, Marie durch, aber da ist nur ein Hauch von Vibrato und ungewöhnlich viel Facettenreichtum. Und oftmals genügt auch nur ein Blick, um sie sofort wieder ins Zentrum zu rücken. Plötzlich bekommt auch ihr sonst oft nur schöner Schlussmonolog durch das Codewort „Souper“ Schärfe, Druck und Sprengkraft. Famos! (…)

Manuel Brug, www.klassiker.welt.de


Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, hat der Philosoph Theodor W. Adorno in einem berühmten Diktum 1949 formuliert. Dass 1942, während in Auschwitz-Birkenau die Gaskammern in Betrieb gingen, eine Oper als „Konversationsstück“ über ästhetische Fragen geschrieben und uraufgeführt werden konnte, könnte man somit als Steigerungsform des Barbarischen lesen.
(…)
Es gibt in der Werkgeschichte von Capriccio, der letzten Oper von Richard Strauss, noch mehr Schrecklichkeiten der Chronologie: Von Stefan Zweig hatte sich Strauss ursprünglich „ein neues gemütvolles Stöffchen“ gewünscht. Der jüdische Autor, von dem die Idee stammte, den historischen Streit um die Vorherrschaft von Musik oder Wort in der Oper zu thematisieren, nimmt sich im Februar 1942 in der brasilianischen Emigration das Leben. Am 28. Oktober dieses Kriegsjahres tappen die Besucher der Uraufführung dann mit Taschenlampen durch das verdunkelte München – und werden im Nationaltheater vom delikatesten Ausdruck instrumentaler Weltflucht empfangen: Ein Streichsextett eröffnet das Alterswerk des ehemaligen Präsidenten der Reichsmusikkammer mit einem sehr ungewöhnlichen Vorspiel.
Vor diesem Hintergrund ist es gut nachvollziehbar, dass es Brigitte Fassbaender, der legendären Sängerin und erfahrenen Regisseurin des „Konversationsstücks“, „persönlich ganz unmöglich“ war, „die Handlung von Capriccio eins zu eins umzusetzen“. Aus dem Pariser Rokoko des Jahres 1775, in dem Strauss und der auch die Uraufführung dirigierende Hitler-Günstling Clemens Krauss als Mitautor die Handlung angesiedelt hatten, wird auf Frankfurts Opernbühne das besetzte Frankreich des Vichy-Regimes. (…)

Volker Milch, Wiesbadener Kurier


(…) Der Komponist Flamand und der Dichter Olivier wetteifern um die Liebe der Gräfin Madeleine. Ihre Waffen sind die Erzeugnisse ihrer Kunst. Wort- und stimmgewaltig mischen sich in diese Dreiecksgeschichte Bühnenpersonal vom Theaterdirektor bis zum Souffleur, schließlich dient die Konversation eigentlich nur dazu, für den Geburtstag der Gräfin ein neues Werk zu ersinnen.
(…)
Bewusst platziert [Regisseurin Brigitte] Fassbaender dieses Szenario in das von Deutschen besetzte Frankreich um die Entstehungszeit der Oper herum, jedoch äußerst dezent. Die Bühne, ein großzügig gestalteter, streng auf Proportion und Zentrierung angelegter Wintergarten mit dem Zugang zu einer Bühne im Rokokostil, und die Kostüme von Johannes Leiacker deuten dies selbstredend an. Ein kleiner Junge, Sohn des Haushofmeisters, krabbelt um den Gartentisch, spielt mit Panzer und Jagdbomber, übt den Hitlergruß perfekt zum Orchesterschlag in kindlich strammer Haltung. In den Geigenkästen liegen Maschinengewehre verborgen, die italienische Sängerin hamstert den Kuchen. Dias, die mögliche Bühnenbilder für die Inszenierung zum Geburtstag der Gräfin auf der Leinwand zeigen, dokumentieren Abbilder der NS-Schreckensherrschaft und der Zerstörung durch den Krieg. Die Reaktion der Erwachsenen auf diese kurzzeitig eingeworfenen Handlungsbilder, Requisiten und Stimmungen verbreiten Unsicherheit, Argwohn, sensibilisieren im Betrachter die Wahrnehmung von doppeldeutigen Botschaften hinter dem Wort. Schnell kehrt man zum unverfänglichen Kunstdisput zurück. Mit überaus großem Fingerspitzengefühl lenkt Fassbaender die Protagonisten.
(…)
Die finnische Sopranistin Camilla Nylund spielt die Gräfin Madeleine eingangs als unschlüssig verliebte Kunstmäzenin, und verströmt im Augenblick ihrer großen Partien durch ihre selbst in den hohen Regionen strahlend kraftvoll und dennoch fein timbrierten Klanggestaltung eine Aura vollendeter Noblesse und Tiefe. Quirlig im Spiel und volumenreich im Ton liefern sich der Tenor AJ Glueckert als lyrisch ausstrahlender Flamand und der Bariton Daniel Schmutzhard als sonor geerdeter Olivier auch stimmlich einen Disput um die Gunst der Gräfin.
Generalmusikdirektor Sebastian Weigle erweist sich als Strauss-Dirigent von bezwingender Intensität. Unter seinem Dirigat entfaltet das Frankfurter Opern- und Museumsorchester eine geradezu verklärende Piano-Schönheit, und das nicht nur zur besseren Verständlichkeit der Texte. Intimität pur umfängt den Zuhörer zum eingangs gespielten Sextett in bester Brahms-Manier, die Mondscheinmusik erstrahlt als fein nuanciertes Klangfarbengemälde von ergreifender Intensität, die lange nachwirkt.

Christiane Franke, www.klassik.com


(…) Mit einem Kabinettstückchen der besonderen Art wartet Graham Clark als Monsieur Taupe auf. Die unglaubliche Bühnenpräsenz dieses Musterbeispiels und Altmeisters eines Charaktertenors ist ungebrochen, ebenso wie seine Stimmkraft, mit der er an Mimes Jammern erinnernd den vergessenen Souffleur wundervoll charakterisiert. (…)

Bernd Stopka, www.omm.de


(…) Als La Roche per Dia-Projektor die Dekorationen seiner Festaufführung zum Geburtstag der Gräfin, den „Untergang Karthagos“ vorführen ließ, erlitt der Projektor einen Defekt – und zeigte plötzlich Bombenkriegsbilder der 1940er Jahre, die schließlich den ganzen Raum fluteten. Der so gar nicht alt und tattrig, sondern scharfkantig zwiespältig gezeichnete Souffleur Taupe von Graham Clark fand ein solches Dia später am Boden, steckte es ein und ging sehr zielstrebig ab: Kombattant oder Denunziant? Der von Anfang an hintergründig wirkende Haushofmeister von Gurgen Baveyan hatte befremdlich engen Kontakt zur Gräfin: er legte ihr ein illegales Plakat vor, das den Franzosen „Liberation“ verheißt, das sie beide versteckten – und betonte später das Wort „Souper“ so ganz besonders… es war auch in den Übertiteln in Anführungszeichen gesetzt…
(…)
Kein triviales, aber wie im Rokoko-Original ein offenes Ende für ein „Flucht-Werk zwischen 1775 und 1942“… Ein vermeintlich nur rückwärtsgewandter Klassiker hatte dank werkgerechter Neu-Interpretation wieder einmal seine Lebenskraft für Hier und Heute bewiesen – das beeindruckte Premierenpublikum blieb lange sitzen und stimmte mit ungetrübtem Beifall und Jubel zu.

Wolf-Dieter Peter, www.nmz.de (neue musikzeitung)


(…) Sebastian Weigle webt mit dem Orchester einen betörenden musikalischen Teppich, auf dem die fantastischen Sänger die Trivialität des Verhandelten vergessen machen.
Brigitte Fassbaender verantwortet eine äußerst sehenswerte Inszenierung. (…)

Wertung: SEHR GUT

Josef Becker, Bild Frankfurt


(…) Das Publikum hängt an den Lippen von Camilla Nylund, hört gebannt die geschmeidige, nie sich überlastende Stimme, den angenehmen Tonfall, die klare Diktion, die Entschlusskraft, das Kokettieren mit der Situation; es erlebt einen jener magischen Momente, für die man in die Oper geht. Das Orchester glimmt und glüht dazu in den intensivsten Farben, dem Dirigenten Sebastian Weigle gelingt es – hier wie den ganzen Abend über –, den Gesang zu führen, zu stützen, zu beleben und in kammermusikalischer Partnerschaft zu begleiten.
(…)
Das Frankfurter Publikum applaudiert einhellig einem schlüssigen, anregenden und auch humorvollen Abend.

Andreas Bomba, Frankfurter Neue Presse


(…) Am Ende, unentschieden entflammt zwischen Dicht- und Tonkunst, sucht die Gräfin nach einem Opernschluss, „der nicht trivial ist“.
Brigitte Fassbaender findet diesen Schluss nicht im Schwebezustand des Kunst-Diskurses, sondern in der Entscheidung der Gräfin für die Résistance. Das wird in Johannes Leiackers wunderbarem Wintergarten-Bühnenbild mit einer diskreten Deutlichkeit umgesetzt, in der vermeintlichen Harmlosigkeiten der Subtext eines Geheimcodes zuwächst. „Das Souper ist serviert“ signalisiert am Ende nicht das Essenfassen, sondern den Aufbruch einer Widerstandsgruppe, die ihre Waffen in Geigenkästen mitführt. Die Gräfin legt ihr Rokoko-Kostüm ab und lässt sich vom Haushofmeister (Gurgen Baveyan), der in der Organisation des Kampfes eine Schlüsselrolle zu spielen scheint, in einen unauffälligen Mantel helfen. (…)

Volker Milch, Darmstädter Echo


(…) Das Glashaus ist ein Palast, hermetisch abgeschlossen von der kalten, grausamen Außenwelt. Brigitte Fassbaender hat Capriccio, letzte Oper von Richard Strauss, vom 18. Jahrhundert in ihre Entstehungszeit der 1940er Jahre, ins Paris unter deutscher Besatzung, verlegt. Beim vom Komponisten als Komödie bezeichneten hitzigen Disput um künstlerische Fragen hat sie auch die Kriegssituation in Frankreich mit einbezogen. Dass die Oper schon bei der Uraufführung in München ohne Pause gespielt wurde, war nicht zuletzt den zahlreichen Bombenangriffen und dem allabendlichen Fliegeralarm geschuldet.
Für zweieinhalb Stunden Hochspannung im vorgeblich handlungsarmen Konversationsstück, für großartige Gesangsleistungen und die zwingende musikalische Disposition des Dirigenten Sebastian Weigle gab es bei der Premiere an der Oper Frankfurt uneingeschränkt Beifall. (…)

Klaus Ackermann, Offenbach-Post


(…) Eine komplexe, anspruchsvolle, stimmig inszenierte und musikalisch fantastische aufgeführte Oper. Dafür gab es bei der Premiere zu Recht viel Applaus. Bravo!

Meinolf Bunsmann, hr2-kultur / Kulturfrühstück